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    Fiorenzato Allground Sense Plus im Test: GbW-Mühle mit Stärken und Schwächen

    Fiorenzato Allground Sense Plus im Test: GbW-Mühle mit Stärken und Schwächen

    Die Fiorenzato Allground Sense Plus ist die überarbeitete Version einer Mühle, die wir mittlerweile gut kennen. Wir haben die Version ohne Waage getestet (ohne Sense im Namen), das Modell, welches bis Juni 2025 als Sense verkauft wurde, sowie die Plus-Version und damit neuste Version der Mühle.

    Die Allground Sense Plus ist eine Hopper-Mühle mit integrierter Waage, sogenanntes Grind by Weight, und 64-mm-Flachscheiben. Sie kostet knapp bei Stoll Espresso 850 Euro und in der Schweiz rund 900 Franken und positioniert sich im gehobenen Heimbereich. Wir haben die Mühle wie immer selbst gekauft - mittlerweile mehrfach, möchte ich sagen. Der Unterschied zum Vorgänger: ein neues Display, besser integriert, oval gestaltet, und ein sanftes Software-Update. Technisch – Mahlwerk, Kammer, Flapper – ist die Plus Version identisch mit der alten Version ohne Plus. Das bedeutet: Die Stärken bleiben. Die Schwächen auch. Die Änderungen sind so marginal, dass manche Händler die neue Mühle nicht einmal als "Plus" Version anpreisen. Die Plus Version von Juni 2025 hat die vorherige Version jedoch komplett ersetzt. Solltet ihr die Version haben, die vor Juni 2025 lanciert wurde - macht euch keinen Kopf. Aus unserer Sicht gibt es keine qualitätsrelevanten Unterschiede.

    Design & Verarbeitung

    Mit 9 kg und 44 cm Höhe steht die Allground Sense Plus massiv auf der Theke. Gehäuse aus Metall, Verarbeitung hochwertig, keine Wackler, keine billigen Spaltmasse. Die Aufnahme des Siebträgers sitzt gut: rein, fest, zuverlässig. Das neue Display ist gegenüber der Vorgängerversion ein ästhetischer Schritt nach vorne. Es nimmt die Grundform des physischen Displays auf und spiegelt diese nun auch als ovale Anzeige. Das IPS-Panel kann nun einfacher von verschiedenen Seiten gesehen werden und hat eine klarere Farbwiedergabe.

    Ein konkretes Software-Update ist zu erwähnen: Die Portionen lassen sich jetzt bis 50 g programmieren – beim Vorgängermodell war die Einzelportion auf 12 g limitiert. Kein Gamechanger, aber wer mit grösseren Portionen oder Filterkaffee experimentieren will, hat jetzt mehr Spielraum.

    Das optische Mahlgradeinstellungsraster ist sogar noch gröber als die Stufen der Mühle. Das ist eine echte Schwäche der Mühle und kaum verständlich, dass Fiorenzato diese so einfach zu verbessernde Anzeige nicht seit dem Erscheinen der ursprünglichen Allground verbessert hat. Der rote vertikale Strich ist so breit wie 1,5 Punkte auf der Rasterung und die Punkte selbst sind bereits ziemlich breit. Sie korrespondieren mit den Mahlgradstufen der Mühle. Da eine Zahlenskala fehlt, sind bei der Verstellung der Mühle jeweils die Punkte zu zählen, wenn man zu einem bestimmten Mahlgrad zurück kehren möchte.

    Die Community hat dafür Lösungen gefunden – Markierungskleber, 3D-gedruckte Indikatoren, selbst gemachte Skalen. Dass man als Nutzer auf 3D-Druckplattformen nach Lösungen sucht, die der Hersteller in fünf Jahren nicht selbst geliefert hat, spricht nicht für die Überarbeitungsbereitschaft des Herstellers.

    Die Reinigungszugänglichkeit ist vorbildlich. Ohne Werkzeug an die Mahlkammer, ausbürsten, fertig. Drei Sekunden, und man ist drin. Das ist eine Referenz und sollte als Anschauungsmaterial für andere Hersteller dienen. Wir bewerten die Reinigungsfähigkeit der Mühle "nur" mit hellgrün, weil der Mahlgrad leider verstellt werden muss bzw. nicht automatisch nach dem Reinigen der Mühle wieder der alte ist. Wie schnell man jedoch dem Herzen der Mühle – der Mahlkammer – ist, ist sensationell.

    Mahlwerk & Technik

    Das Herzstück der Allground Sense Plus: 64-mm-Flachscheiben, fix bei 1.600 U/min. Eine RPM-Regelung gibt es nicht. Die Mühle ist für den Hopper-Betrieb mit integrierter Waage konzipiert; Single Dosing ist technisch möglich, aber nicht ihr Kernversprechen.

    Die Malgradverstellung arbeitet mit Stufen. Ein Rad mit Einkerbungen läuft beim Einstellen über einen Metallstift, der physisch die Positionierung fixiert und ein akustisches Signal gibt. Wären der Stift nicht, würde die Mahlgradverstellung stufenlos funktionieren. Mit dem Stift bleibt die Möglichkeit, statt in der Kerbe bei der Erhebung der Rasterung den Mahlgrad zu positionieren. Dafür braucht es etwas Fingerspitzengefühl.

    Bleibt man in den Kerben, so haben wir Bezugszeitsprünge von drei bis vier Sekunden gemessen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es in den Stufen kaum möglich ist, den Mahlgrad sauber einzustellen. Bleibt ihr zwischen den Clicks, so trickst ihr die Mühle aus und kommt dem Ziel der Mahlgradeinstellung deutlich näher.

    Die Kritik am Hersteller bleibt. Wer immer den gleichen Kaffee mahlt und seine Einstellung einmal findet, kommt damit gut zurecht. Wer häufig zwischen Röstungen wechselt oder aktiv mit dem Mahlgrad arbeitet, wird frustriert – wenn er nicht die Zwischenbereiche der Stufen anpeilt.

    Mahlgeschwindigkeit & Lautstärke

    8 Sekunden für 18 g – das ist schnell, für den Heimgebrauch mehr als ausreichend. In 10 Sekunden Dauermahlen kommen 23,8 g aus der Mühle. Das sind Zahlen, mit denen man durchaus auch gerne mehrere Gäste hintereinander bedient. Die Geschwindigkeit ist ein Grund, weshalb wir die Mühle sehr gut im kleingastronomischen Einsatz sehen können.

    Die Lautstärke liegt bei 84,1 dB(A) – gemessen bei 20 cm Abstand. Das ist die obere Grenze dessen, was wir als „mittel" einordnen: merklich, aber kein Dauerproblem. Im Ton gleichmässig, kein scharfes Pfeifen und kein kämpfender Motor. Es ist eine hohe Lautstärke der eleganteren Art. Acht Sekunden Betrieb – dann ist Stille.

    Mahltemperatur & Konstanz

    Die Mahltemperatur startet bei 29,6 °C und steigt nach fünf aufeinanderfolgenden Mahlungen auf 32,0 °C. Kein thermisches Problem, auch nicht bei mehreren Bezügen hintereinander.

    Und jetzt zur Konstanz. Die Standardabweichung über 10 Mahlungen liegt bei 0,067 g. Die Einzelwerte der Ausgabe sehen zum Beispiel so aus: 17,9 – 18 – 17,9 – 18 – 18 – 18 – 17,9 Gramm. Das GbW-System tut, was es verspricht: Die eingestellte Menge kommt raus, Mahlung für Mahlung, auch mit wechselnden Kaffees, ohne dass sich die Mühle erst „einschiessen" muss. Wenn einmal 17,9 Gramm ausgegeben wird, dann liegt das im Grenzbereich der gegenprüfenden Mühle. Keine Fehlmessungen, keine Erkennungsprobleme beim Siebträger, keine Ausreisser.

    Bei Grind-by-Weight-Mühlen ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal, ob sie mit Vibrationen der Arbeitsfläche klar kommen. In der Anfangszeit von Mühlen dieser Art hatten wir einmal eine Mühle auf dem Tisch, die immer aussetzte, wenn eine Strassenbahn am Haus vorbei fuhr.

    Die Fiorenzato Allground Sense zeigt hier in beiden uns vorliegenden Versionen leicht unterschiedliches Verhalten. Das Modell Plus stoppt bei stärkeren Erschütterungen der Mühle und mahlt weiter, wenn keine Erschütterungen mehr auftreten. Das Modell bis Juni mahlt durch, zeigt während der Vibrationen unterschiedliche Werte an, fängt sich aber wieder, sobald die Vibrationen enden. Wenn diese nicht länger andauern, kommen beide Mühlen-Versionen sauber zum Ziel.

    Totraum

    Der Totraum liegt bei 7,1 g absolut – davon 6,6 g temporär, 0,5 g permanent. Das hat sich zur Plus-Version nicht verändert. Mahlkammer, Flapper, Mitnehmer – alles identisch. Und 6,6 g temporärer Totraum ist zu viel. Das bleibt unsere Einordnung.

    Wir wollen aber klarer sagen, warum – und für wen es wie relevant ist.

    Das erste Problem kennt man: Wer morgens mahlt und abends wieder an die Maschine geht, zieht beim nächsten Shot 6,6 g Kaffee durch, der stundenlang gemahlen in der Kammer gelegen hat. Bei einem Doppelespresso ist das ein Drittel der Portion. Den ersten Espresso nach einer langen Pause kennen viele aus den Foren: wässrig, abgeflacht, seltsam. Das erklärt sich damit.

    Das zweite Problem ist weniger offensichtlich – und für eine GbW-Mühle sogar das grössere: Der Totraum sabotiert das Einstellen. Wer den Mahlgrad verstellt und sofort den nächsten Shot zieht, arbeitet immer noch mit einem Drittel des alten Mahlgrads. Man dreht an der Einstellung, zieht den nächsten Espresso, bewertet ihn – und stellt nochmal feiner. Aber ein Drittel der Portion ist wieder der vorherige Mahlgrad. Man jagt einem Ergebnis nach, das man nie sauber sehen kann, solange man nicht explizit ausmahlt. Für Einsteiger, die mit dem GbW-System lernen wollen und die Mühle genau deshalb gekauft haben, ist das eine echte Einschränkung.

    Was das in der Praxis bedeutet: Immer ausmahlen, wenn man den Mahlgrad verändert. Wir programmieren dafür die 1er Taste auf 6 Gramm und mahlen nach jeder Mahlgradverstellung konsequent 6 Gramm aus.

    Wer täglich mehrere Espressi trinkt, spürt den Totraum kaum, weil das gemahlene Pulver selten lange in der Kammer liegt.

    Mahlgradreplizierbarkeit

    Im Verstellungstest – Espresso (T4), Ristretto (T5), Lungo (T6), Rückkehr auf Espresso (T7) – zeigt die Allground Sense Plus eine klare Stärke: Der x50-Wert weicht zwischen Ausgang (262,3 µm) und Rückkehr (273,2 µm) um rund 11 µm ab. Für eine Stufenmühle ist das gut. Der Mechanismus rastet präzise ein – wer seinen Punkt gefunden hat und zurückkommt, landet dort wieder.

    Das Paradox bleibt: Die Reproduzierbarkeit funktioniert. Den idealen Punkt zwischen zwei Klicks zu finden – das ist die Herausforderung.

    Partikelverteilung

    Die Partikelverteilung analysieren wir in Kooperation mit der ZHAW mit dem Retsch Camsizer X2.

    Espresso-Einstellung (T4):
    x50: 262,3 µm – Feinanteil (Qf <100 µm): 31,8 % – 60%-Peak-Breite: 177,7 µm

    Ein Feinanteil von 31,8 % ist hoch: mehr Körper, mehr Dichte, höherer Extraktionswiderstand im Puck. Ein höherer Wert beim Feinanteil ist typisch für schlechtere Mühlen oder für sehr gute mit schmalem Hauptpeak – wie das bei der Fiorenzato Allground Sense der Fall ist. Der Hauptpeak bei 177,7 µm ist schmal. Sehr schmal. Das bedeutet trotz hohem Feinanteil eine gleichmässige, strukturierte Extraktion.

    Die Mühle mahlt präzise – und das spürt man in der Tasse. Was das zusammen ergibt: Die Allground Sense Plus ist keine Spezialistin für einen Röstungsstil. Sie ist eine Mühle, die in beide Richtungen die Hand reicht – von hell gerösteten Spezialitätenkaffees (zum Beispiel aus unserer Lila-Linie) bis zu klassisch entwickelten Espressi italienischer Couleur wie dem Compadre.

    Verkostung

    In der Blindverkostung mit dem Apas Espresso (18 g in, 42 g out, 25 Sekunden) zeigt die Allground Sense Plus eine klare Handschrift: viel Süsse, weiche Textur, schöner Körper. Der Nachgeschmack ist lang und präsent – kakaoige Noten, die ungewohnt lange stehen bleiben. Auch eine helle Steinfrucht-Komponente war erkennbar, die bei diesem Kaffee sonst selten so klar hervortritt.

    Das passt zum PVM-Befund: hoher Feinanteil, enger Peak, körperbetonte Tasse mit strukturierter Extraktion. Für Specialty-Kaffees und klassischere Röstungen eine sehr solide Kombination.

    Ein Hinweis für den Alltag: Ein WDT-Tool braucht man für diese Mühle nicht. Das Mahlgut verteilt sich von sich aus gut in den Siebträger – bei 18 g und einer zentrierten Einspannung gibt es kaum Gründe zur Klage.

    Fazit

    Die Fiorenzato Allground Sense Plus ist eine sehr gute Mühle. Das ist die Kernaussage – und wir hätten sie beim ersten Testvideo klarer herausarbeiten sollen.

    Sie hat zwei Schwächen, die der Hersteller seit Jahren nicht behoben hat. Eine davon könnt ihr selbst durch Modifizierung überbrücken. Mit einer könnt ihr umgehen (Malgradeinstellung) und wenn ihr viel Kaffee macht oder zwischenmahlt, fällt die zweite nicht auf (Totraum). Ausser ihr kauft teure Kaffees...

    Beide sind unnötig. Der Malgradeinstellungslapsus ist für den Preis nicht entschuldbar, und wir wünschen uns von Fiorenzato ein echtes Update – nicht von Community-Seite.

    Stärken:
    Aussergewöhnlich präzises, zuverlässiges GbW-System – konstante Ergebnisse Mahlung für Mahlung. Exzellente Partikelverteilung: hoher Feinanteil, schmaler Peak, strukturierte Extraktion. Gute Mahlgradreplizierbarkeit dank Stufenmechanismus. Reinigung ohne Werkzeug, in Sekunden zugänglich – Referenzklasse. Robuste, hochwertige Verarbeitung.

    Schwächen:
    7,1 g absoluter Totraum, davon 6,6 g temporär – unverändert zur Vorgängerversion. Problem Nummer eins für alle, die selten mahlen. Problem Nummer zwei für alle, die das GbW-System zum Einstellen lernen wollen. Malgradeinstellung zu grob: drei bis sechs Sekunden Bezugszeitdifferenz zwischen zwei Klicks, keine Zahlenmarkierung. Der Hersteller hat die Hausaufgabe nicht gemacht.

    Für wen?
    Wer täglich mahlt, einen festen Kaffee bezieht und seine Einstellung einmal sorgfältig findet und dann eher in Ruhe lässt. Wer ein zuverlässiges GbW-System sucht, das Mahlung für Mahlung dieselbe Menge liefert. Wer Wert auf eine saubere, zugängliche Reinigung legt. Und wer eine robuste, hochwertige Mühle will, die in der Tasse überzeugt und mehr als fair bepreist ist.

    Geheimtipp für die Kleingastro? Überlegt es euch. Wir werden die Mühle zu diesem Zweck mal genauer unter die Lupe nehmen. Die Schnelligkeit spricht für sie. Der Totraum ist verzeihbar, wenn viel Kaffee läuft – und wie praktikabel das Einstellen zwischen den Stufen im Gastro-Alltag ist, werden wir testen.

    Für wen nicht?
    Wer oft zwischen Röstungen wechselt und präzise mit dem Mahlgrad arbeitet, wird an der groben Abstufung leiden. Dann ist aber sowieso eine Single-Dose-Mühle die bessere Wahl. Wer nur ein bis zwei Espressi am Tag trinkt und zwischen den Mahlungen lange Pausen hat, wird den temporären Totraum in der Tasse spüren. Mit 6,6 g Totraum immer ausmahlen, bevor man eine Mahlgradänderung beurteilt.

    Preis-Leistung:
    Knapp 900 Euro für ein ausgezeichnetes GbW-System, exzellente Partikelverteilung, vorbildliche Reinigung und robuste Verarbeitung – das ist sehr fair. Dass Totraum und Malgradeinstellung seit Jahren unverändert bleiben, ist kein Kaufhinderungsgrund, aber ein Versäumnis. Das Potenzial ist da. Wenn Fiorenzato diese beiden Punkte angeht, ist das eine Mühle ohne ernsthafte Gegner in dieser Klasse.

    Wie sich die Allground Sense Plus gegen die anderen GbW-Mühlen schlägt, zeigen wir im Grind-by-Weight-Vergleich.

    Technische Daten im Überblick

    Eigenschaft Wert
    Preis 1.099 EUR / 950 CHF (UVP). Aktuell ca. 850 Euro / 900 CHF
    Scheibengrösse 64 mm
    Scheibentyp Flat (Flachscheiben)
    Betriebsmodus Hopper (GbW)
    Mahlgeschwindigkeit 23,8 g / 10 Sek (Hopper) / 8,0 Sek für 18 g
    Lautstärke 84,1 dB(A)
    Mahltemperatur 29,6–32,0 °C (erste bis letzte Probe)
    Totraum absolut 7,1 g (davon 6,6 g temporär, 0,5 g permanent)
    Konstanz (Std.abw.) 0,11 g
    x50 (Espresso-Einstellung) 262,3 µm
    Feinanteil Qf <100 µm 31,8 %
    60%-Peak-Breite 177,7 µm
    RPM-Regelung Nein (fix 1.600 U/min)
    Gewicht 9,0 kg
    Bohnenbehälter 500 g
    Mahlgradeinstellung Gestuft (Rastpunkte, keine Zahlenmarkierung)
    Besonderheiten GbW integriert, Reinigung ohne Werkzeug

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