Grind by Weight löst ein Problem, das Bohnenbehältermühlen seit Jahren haben: Die Kaffeemenge stimmt nicht. Bei Mühlen mit Timer hängt die Ausgabemenge vom Mahlgrad, der Bohnensorte und sogar der Luftfeuchtigkeit ab. Änderst du den Mahlgrad, ändert sich auch die Menge – und du musst den Timer neu justieren. Grind by Weight macht das überflüssig: Eine integrierte Waage tariert den Siebträger aus und mahlt so lange, bis das eingestellte Gewicht erreicht ist.
Das klingt nach der perfekten Lösung. Für viele ist es das auch. Aber nicht für alle. Wir haben sieben Espressomühlen mit integrierter Waage getestet – und dabei gelernt, wo GbW wirklich überzeugt und wo die Grenzen liegen.
Wie funktioniert Grind by Weight?
Du stellst den Siebträger auf die Mühle, das Display zeigt das Gewicht an. Du drückst Start, die Mühle tariert automatisch, mahlt los und stoppt bei der eingestellten Grammzahl – zum Beispiel 18,0 g. Die meisten aktuellen Modelle erreichen dabei eine Genauigkeit von ±0,1 g.
Der Vorteil gegenüber einer Timermühle: Wenn du den Mahlgrad feiner stellst, mahlt eine Timermühle in derselben Zeit weniger Kaffee aus. Du bekommst plötzlich 16 statt 18 g im Siebträger. Bei einer GbW-Mühle kompensiert die Waage automatisch – die Mühle mahlt einfach etwas länger, bis die 18 g erreicht sind.
Das Prinzip gibt es seit einigen Jahren, aber erst seit 2023/2024 bieten genug Hersteller brauchbare Modelle an, um wirklich vergleichen zu können. Die Preise reichen von 499 € (Baratza Sette 270 Wi) bis über 1.100 € (Zuriga G2, Ligre Siji).
Was GbW kann – und was nicht
Das Mengenproblem ist gelöst
Die grösste Schwäche von Bohnenbehältermühlen mit Timer war die schwankende Ausgabemenge. GbW beseitigt dieses Problem. Mahlung für Mahlung landet die gleiche Menge im Siebträger. Das macht den Workflow einfacher und den Espresso reproduzierbarer.
Die Frische bleibt ein Thema
Den Komfort hast du, die Frische nicht – das ist der zentrale Satz zu GbW. Die Bohnen sitzen im Bohnenbehälter, der Totraum bleibt bestehen. Gemahlener Kaffee, der seit dem letzten Bezug in der Mühle liegt, oxidiert und verliert Aroma. Das unterscheidet GbW von Single Dosing: Bei einer Single-Dosing-Mühle ist jede Portion komplett frisch, weil du nur die exakte Menge einfüllst und die Mühle vollständig ausmahlt.
Bei GbW-Mühlen verbleibt je nach Modell zwischen 1,5 und 7 g Kaffeemehl von der letzten Portion in der Mühle. Wer morgens seinen ersten Espresso macht, hat also einen Teil alten Kaffee in der Tasse. Bei täglicher Nutzung und konstantem Durchsatz relativiert sich das. Wer nur jeden zweiten Tag einen Espresso trinkt, wird den Unterschied schmecken.

Totraum: Die wichtigste Zahl bei GbW
Der Totraum ist bei GbW-Mühlen relevanter als bei jeder anderen Mühlenkategorie. Bei einer Single-Dosing-Mühle umgehst du den Totraum durch vollständiges Ausmahlen. Bei einer GbW-Mühle nicht – hier sitzt immer Kaffee in der Mühle.
Die Unterschiede zwischen den Modellen sind enorm. Die Zuriga G2 kommt mit 1,5 g absolutem Totraum, davon 1,2 g temporär und 0,3 g permanent – kaum spürbar bei täglicher Nutzung. Die Fiorenzato Allground Sense Plus liegt bei 7,1 g absolut, davon 6,6 g temporär. Das ist fast eine halbe Portion, die du mit jeder Mahlung mitschleppst.
Programmiere bei jeder GbW-Mühle eine "Ausmahl-Portion" – zum Beispiel 6 g – die du morgens in den Abfall mahlst. Damit wird der alte Kaffee aus dem Totraum gespült, bevor du deinen ersten Espresso machst.
Geschwindigkeit: Nicht automatisch schneller
Intuitiv klingt es so: GbW-Mühle aufstellen, Siebträger drauf, Knopf drücken, fertig. In der Praxis ist der Workflow aber nicht immer schneller als bei Single Dosing. Die Mühle muss den Siebträger erst tarieren, dann mahlt sie oft kontrolliert langsam, um das Zielgewicht nicht zu überschiessen.
Die Eureka Libra 65 mahlt mit rund 1 g pro Sekunde – für 18 g brauchst du 18 Sekunden plus Tarierzeit. Die Zuriga G2 braucht 16 Sekunden für 18 g. Deutlich schneller arbeiten die Mahlkönig E64 WS (7,5 Sekunden), die Fiorenzato Allground Sense Plus (8 Sekunden) und die Ligre Siji (8 Sekunden).
Preis: GbW ist ein Premium-Segment
Unter 500 Euro gibt es mit der Baratza Sette 270 Wi nur ein Modell – und das überzeugt geschmacklich nicht. Brauchbare GbW-Mühlen mit guter Partikelverteilung beginnen bei rund 600 Euro. In diesem Preissegment bekommst du allerdings auch sehr gute Single-Dosing-Mühlen, die das Frische-Thema besser lösen.
Die getesteten GbW-Mühlen im Überblick
Wir haben bisher sieben Mühlen mit integrierter Waage getestet. Fünf davon nach unserem aktuellen Testprotokoll mit Partikelverteilungsanalyse an der ZHAW, zwei ältere Tests (Baratza Sette 270 Wi und Eureka Mignon Libra 55mm) mit weniger umfangreichen Messdaten. Die Mazzer Mini G befindet sich aktuell im Test.

Mahlkönig E64 WS 999 €
Die funktionsreichste Mühle im Test. Elektronische Mahlgradverstellung in Mikron-Schritten, geführtes Dial-In per Algorithmus und Siebträgererkennung – das bietet sonst niemand. 64-mm-Flachscheiben, 27,3 g/10 Sek Mahlgeschwindigkeit, 7,5 Sekunden für eine Portion. Die GbW-Funktion arbeitet mit einer Standardabweichung von 0,067 g.
Die Schwäche: Die Software war zum Testzeitpunkt nicht ausgereift. Bootzeit rund 30 Sekunden, gelegentlich ignorierte Einstellungen, und Softwaregrenzen (Minimum 40 g Brühgewicht) limitieren den Einsatz. 4,1 g Totraum (3,8 g temporär, 0,3 g permanent) liegen im mittleren Bereich. Die Mahltemperatur bleibt mit 32,5 °C gut.
In der Tasse: solide Ergebnisse über verschiedene Röstungen, gute Süsse und Körper. Die Partikelverteilung (x50: 289,8 µm, Feinanteil 32,2 %) passt gut zu mittleren bis dunklen Röstungen.
Zum ausführlichen Testbericht →Eureka Mignon Libra 65 All Purpose 699 €
Die einzige GbW-Mühle im Test, die explizit auch für Filterkaffee konzipiert ist. 65-mm-All-Purpose-Scheiben liefern einen schmalen Hauptpeak (142 µm) mit niedrigem Feinanteil (27–28 %) – geeignet für Espresso und Filter. Das grosse Mahlgrad-Einstellrad mit Umdrehungsanzeige erlaubt sehr feinfühlige Justierungen.
Der Totraum ist mit 2,1 g absolut (1,5 g temporär, 0,6 g permanent) sehr gut für eine Hopper-Mühle. Die GbW-Funktion arbeitet nach Kalibrierung präzise (±0,1 g), nervt aber gelegentlich mit "FH"-Fehlermeldungen. Der magnetische Dosierring ist ein willkommenes Zubehör. Optional lassen sich die Mahlscheiben gegen beschichtete Black Diamond Burrs tauschen.
Grösste Schwäche: Die Mühle ist langsam. Rund 1 g pro Sekunde, also fast 18 Sekunden für eine Espresso-Portion. Dazu ist der Wechsel zwischen Espresso und Filter im Alltag unpraktisch – Mahlgrad, Zwischenmahlung und Tarierung müssen jedes Mal neu eingestellt werden.
In der Tasse: Helle Röstungen zeigten in unseren Blindverkostungen erstaunliche Komplexität, dunkle Röstungen kräftige Süsse mit vollem Körper.
Zum ausführlichen Testbericht →
Fiorenzato Allground Sense Plus ca. 849 €
Das präziseste GbW-System im Test: Mahlung für Mahlung dieselbe Menge, Standardabweichung 0,067 g. Die Reinigung ist vorbildlich – ohne Werkzeug, in Sekunden am Mahlwerk. 64-mm-Flachscheiben, 23,8 g/10 Sek, 8 Sekunden für 18 g. Die Mahltemperatur bleibt mit 29,6–32 °C stabil.
Der Haken: 7,1 g Totraum. 6,6 g davon temporär – bei jeder Mahlung besteht dein Kaffee zu einem guten Drittel aus Material der vorherigen Portion. Wer nicht mehrmals täglich mahlt, hat ein Frische-Problem. Die Mahlgradeinstellung ist zu grob: Zwischen zwei Rastpunkten liegen 3–6 Sekunden Bezugszeitdifferenz. Dazu fehlen Zahlenmarkierungen, was das Zurückfinden einer Einstellung erschwert. Der Hersteller hat diese Probleme seit Jahren nicht behoben.
In der Tasse: viel Süsse, weiche Textur, schöner Körper mit langem, kakaoigem Nachgeschmack. Der Feinanteil von 31,8 % passt gut zu mittleren und dunkleren Röstungen.
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Zuriga G2 GbW ca. 1.150 €
Swiss Made, leise (79 dB), nur 1,5 g Totraum absolut (1,2 g temporär, 0,3 g permanent). Keine andere GbW-Mühle im Test kommt da ran. Die Wiegefunktion arbeitet robust mit ±0,1 g Genauigkeit. Die Mahlgrad-Rampe bietet im Feinbereich engere Schritte als im Grobbereich.
Die Partikelverteilung (x50: 286 µm, Feinanteil 23,7 %, Hauptpeak 212 µm) zeigt einen niedrigen Feinanteil – das ergibt eine klare, nuancierte Tasse, die bei hellen und mittleren Röstungen gut funktioniert.
Das Problem: Wärme. Nach zwei aufeinanderfolgenden Mahlungen steigt die Mahltemperatur auf durchschnittlich 40,2 °C. Gerade bei den hellen Röstungen, die die PVM eigentlich gut bedienen würde, ist das ein Widerspruch – flüchtige Aromen verflüchtigen sich schon vor der Extraktion.
Dazu kommt: 11,1 g in 10 Sekunden, für 18 g brauchst du rund 16 Sekunden. Für einen Singlehaushalt kein Problem. Für einen Haushalt mit Gästen oder eine WG wird es eng.
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Ligre Siji ca. 1.180 €
Die Siji basiert auf der Eureka Mignon Specialità mit 55-mm-Scheiben und bringt eine eigenständige Waagentechnologie von Ligre mit. Die Dosiergenauigkeit ist stark: ±0,1 g, robust auch gegen Erschütterungen. 78 dB Betriebslautstärke – die leiseste Mühle im Feld. 22,9 g/10 Sek, 8 Sekunden für 18 g.
Schwächen im Detail: Das kleine Einstellrad für die Mahlgradverstellung ist fummelig. Die Reinigung erfordert Schraubarbeit – nicht für regelmässiges Öffnen gedacht. Das Display sitzt oben auf der Mühle, im Alltag unpraktisch. Für 1.180 € bekommst du im Kern eine 55-mm-Eureka mit Waage – ein hoher Preis für diese Basis. Der Totraum liegt bei 2,7 g absolut (1,6 g temporär, 1,1 g permanent), die Temperatur bei 35 °C – beides im vertretbaren Bereich.
In der Tasse zeigt die Siji den typischen Eureka-Charakter: weicher Espresso mit Süsse, mittlerem Körper, Kakao- und Mandelnoten. Die Partikelverteilung (x50: 249,6 µm, Feinanteil 28,6 %, Hauptpeak 211 µm) passt zu mittleren Röstungen.
Zum ausführlichen Testbericht →Eureka Mignon Libra (55mm) ca. 550 € Älterer Test
Der Vorgänger der Libra 65, getestet nach älterem Protokoll. Die GbW-Funktion arbeitet zuverlässig, aber ohne Dosierring landet das Mahlgut nicht präzise im Siebträger – ein typisches Eureka-Mignon-Problem. Mit Dosierring eine gute Espressomühle für körperbetonte, mittlere bis dunkle Röstungen. 20,2 g/10 Sek, 79,8 dB. Totraum 2,4 g. Die Partikelverteilung (x50: 289 µm, Feinanteil 24,2 %, Hauptpeak 231 µm) liegt im typischen Eureka-Bereich.
Die Mahltemperatur von 36,1 °C ist spürbar warm – bei hellen Röstungen ein Nachteil. Die Mühle wird zwar vom Nachfolger abgelöst, ist aber online noch erhältlich.
Zum Testbericht →Baratza Sette 270 Wi ca. 499 € Älterer Test
Die günstigste GbW-Mühle. Die Waage arbeitet präzise und die Mühle ist schnell (29,3 g/10 Sek). Aber: 89 dB Lautstärke, überwiegend Kunststoffbauweise und eine breite Partikelverteilung (x50: 316 µm, Feinanteil nur 20,6 %) ergeben einen Espresso, der "ausgefranst" und wenig balanciert schmeckt.
Bekannte Langzeit-Probleme: Defekte nach 6 bis 24 Monaten sind häufig dokumentiert. Gute Ersatzteilverfügbarkeit deutet darauf hin, dass der Hersteller mit diesem Problem lebt. Ein Re-Test wäre nötig.
Zum Testbericht →GbW, Single Dosing oder Timer – was passt zu dir?
Grind by Weight ist nicht automatisch besser als Single Dosing oder ein Timer. Es hängt davon ab, wie du Kaffee trinkst.
… jeden Tag mehrere Espressi trinkst, nicht ständig Bohnen wechselst und keine Lust auf Abwiegen hast. Der konstante Durchsatz minimiert das Totraum-Problem, und die Waage sichert reproduzierbare Mengen – ohne dass du eine separate Waage brauchst.
… häufig zwischen Bohnensorten wechselst (dann ist Single Dosing flexibler), nur alle paar Tage einen Espresso machst (dann ist der Kaffee im Totraum alt) oder ein Budget unter 600 € hast.
Wer die Frische von Single Dosing mit dem Komfort von GbW kombinieren will, hat derzeit keine ideale Lösung. Die Acaia Orbit hat es versucht – und dabei gezeigt, dass GbW und Single Dosing sich schlecht verheiraten lassen, wenn der Totraum das Wiege-Ergebnis verfälscht.
Fazit
Grind by Weight löst das Mengenproblem von Bohnenbehältermühlen – aber eben nur das. Wer viel Kaffee trinkt, eine Bohnensorte verwendet und Komfort will, ist mit einer GbW-Mühle gut bedient. Wer Flexibilität und maximale Frische sucht, greift weiterhin zur Single-Dosing-Mühle.
Bei der Wahl der richtigen Espressomühle mit Grind by Weight zählt nicht nur die Waage, sondern was drumherum passiert: Totraum, Mahltemperatur, Partikelverteilung, Einstellbarkeit. Unsere Tests zeigen: Die eine perfekte GbW-Mühle gibt es noch nicht. Jedes Modell hat Stärken und Kompromisse.
Die Mahlkönig E64 WS bietet die meisten Funktionen, kämpft aber mit Software-Kinderkrankheiten. Die Fiorenzato liefert die konstanteste Dosierung, hat aber zu viel Totraum. Die Zuriga hat den besten Totraum, wird aber zu warm. Die Eureka Libra 65 kann auch Filter, ist aber langsam. Die Ligre Siji wiegt präzise, ist für die gebotene Basis aber teuer.
Welche Mühle zu dir passt, hängt davon ab, was dich am meisten stört – und was du am besten ignorieren kannst.
Technische Daten im Überblick
| Mühle | Preis | Mahlwerk | dB | 18g in | Temp. | Totraum | Konstanz | x50 | Feinanteil |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Mahlkönig E64 WS | 999 € | 64mm Flat | 85,1 | 7,5 s | 32,5 °C | 4,1 g | 0,067 g | 289,8 µm | 32,2 % |
| Eureka Libra 65 AP | 699 € | 65mm Flat | 84,2 | ~18 s | ~34 °C | 2,1 g | ~0,1 g | 142 µm | 27,5 % |
| Fiorenzato Allground Sense+ | ca. 849 € | 64mm Flat | 84,1 | 8 s | 32 °C | 7,1 g | 0,067 g | 262,3 µm | 31,8 % |
| Zuriga G2 GbW | ca. 1.150 € | 64mm Flat | 79 | ~16 s | 40,2 °C | 1,5 g | — | 286 µm | 23,7 % |
| Ligre Siji | ca. 1.180 € | 55mm Flat | 78 | 8 s | 35 °C | 2,7 g | 0,067 g | 249,6 µm | 28,6 % |
| Eureka Libra 55mm ⚠️ | ca. 550 € | 55mm Flat | 79,8 | — | 36,1 °C | 2,4 g | — | 289 µm | 24,2 % |
| Baratza Sette 270 Wi ⚠️ | ca. 499 € | 40mm Conical | 89 | — | — | 2,7 g | — | 316 µm | 20,6 % |
⚠️ Älterer Test – nicht alle Werte nach aktuellem Protokoll gemessen. Totraum = absoluter Totraum.























