Home / Kaffeewissen / Rocket Appartamento im Test: Zweikreiser mit Stärken und Schwächen
    Espressomaschinen
    Rocket Appartamento im Test: Zweikreiser mit Stärken und Schwächen

    Rocket Appartamento im Test: Zweikreiser mit Stärken und Schwächen

    Die Rocket Appartamento ist ein Zweikreiser im Einsteigerbereich – die kleinste Maschine im Rocket-Portfolio. Wir haben sie über zwei Jahre in unserer Akademie im Dauereinsatz getestet.

    Aus Transparenzgründen: Zum Zeitpunkt des Tests konntet ihr die Rocket Appartamento noch bei uns kaufen. Seit Juni 2024 (siehe auch YouTube Video, in dem wir das genauer erklären) verkaufen wir jedoch keine Espressomaschinen mehr. Wir haben aus unserer Sicht immer neutral getestet, wollten aber diese noch klarere Trennung dennoch machen, um völlig unabhängig auf Gerätschaften schauen zu können.

    Die Appartamento kostet in der Schweiz rund 1.490 CHF, in Deutschland liegt sie bei etwa 1.200 bis 1.300 Euro. Für einen klassischen Zweikreiser ohne PID-Steuerung ist das im  mittleren Preissegment angesiedelt.

    2024 hat Rocket übrigens mit der Appartamento TCA ein Nachfolge Modell der klassichen Appartamento auf den Markt gebracht. Wir haben diese Maschine ebenfalls getestet.


    Design & Verarbeitung: Chic, aber mit Kanten

    Die Rocket Appartamento bringt 20 Kilogramm auf die Waage und misst 27,4 cm in der Breite, 42,5 cm in der Tiefe und 33,5 cm in der Höhe. Wie bei fast allen E61-Brühgruppen ist die Maschine etwas tief gebaut – plant also genügend Platz auf der Theke ein.

    Designtechnisch ist Rocket aktuell vorne mit dabei. Die neuen Manometer mit dem kleinen Zeitfenster sind ein echter Hingucker, und die gelochten Seitenelemente setzen Akzente. Das Edelstahlgehäuse macht optisch was her.

    Aber: Die Verarbeitung hat ihre Tücken. Überall findet man scharfe, nicht entgratete Kanten. An der Tropfschale, am Gehäusefalz, am Gitter – die italienischen Hersteller können einfach keine Kanten brechen. Das ist kein Rocket-spezifisches Problem (ECM hat das gleiche Thema), aber bei dieser Preisklasse nervt es einfach. Nichts Gefährliches, aber unangenehm beim Anfassen.

    Ein weiterer Kritikpunkt: Die Tassenablage (Reling) wird standardmäßig mit einer Plastikauflage ausgeliefert, die schnell kaputt geht. Wir haben hier schon die weiße und die kupferfarbene Edition getestet – beide Male war das Plastikteil Schrott. Die Edelstahl-Reling muss man extra kaufen: 99 CHF in der Schweiz. Bei einer 1.500-Franken-Maschine sollte die dabei sein. Bei der neuen schwarzen Version ist sie immerhin im Lieferumfang – kostet aber auch mehr.

    Positiv: Der 2,9-Liter-Wassertank lässt sich von oben befüllen und komplett herausnehmen. Kein Schlauch, kein Gefummel. Praktisch für die Reinigung oder wenn die Maschine unter einem Hängeschrank steht.

    Temperaturmanagement: Flatline ohne Kompromisse

    Hier überzeugt die Appartamento komplett. Wir haben mit dem Scace-Tool gemessen und über die gesamte Brühzeit konstant 93,7 bis 93,8°C gemessen. Keine Schwankungen, kein Drop, kein Rise – eine Flatline, wie sie im Lehrbuch steht.

    Das Problem: Ihr könnt die Temperatur nicht einstellen. Es gibt keine PID-Steuerung. Die 93,8°C sind fest vorgegeben. Theoretisch könnte ein Techniker den Boilerdruck manuell senken, aber das solltet ihr nicht selbst machen – zumal ihr dann auch beim Dampf weniger Power habt.

    Für die allermeisten Kaffees sind 93,5 bis 94°C aber absolut passend. Nur bei extrem dunklen Röstungen würde man vielleicht gerne etwas runter. Für alle anderen gilt: Die Temperatur sitzt, die Konstanz ist top. Fertig. Punkt.

    Espresso-Qualität: E61-Gruppe liefert ab

    Die Appartamento nutzt die klassische Faema E61-Brühgruppe – das gleiche Grundgerüst, das ihr bei unzähligen Maschinen findet. Rocket kauft die Gruppe bei Faema ein und baut ein "Kleidchen" drumherum. Wie konstant die Maschine dann läuft, hängt vor allem vom Boiler und der Temperaturregelung ab.

    Bei der Rocket stimmt beides. Die Extraktion ist sauber, wir ziehen ausgewogene Espressi mit Kraft und Süße. Im Test mit einem Blend aus je einem Drittel Robusta, Nicaragua und Brasilien kamen die Aromen klar durch – kräftig, aber balanciert.

    Die E61-Gruppe funktioniert einfach. Wer Espresso richtig zubereitet – mit guter Puck-Vorbereitung, sauberem Tamping und passendem Mahlgrad – bekommt hier verlässlich gute Ergebnisse. Die Maschine ist konstant genug, dass Fehler eher beim Nutzer als beim Gerät liegen.

    Milchschaum & Dampf: Power satt

    Die Dampfleistung ist für einen Zweikreiser wirklich stark. Die Milch dreht "bis zum Umfall" – ihr müsst die Kanne kaum bewegen. Die Roll-Phase läuft fast von selbst, der Schaum wird feinporig und cremig.

    Die Temperatur liegt bewusst am oberen Grenzbereich, was der Dampfpower zugutekommt. Bei einem Zweikreiser, wo man die Temperatur nicht separat steuern kann, ist das ein guter Kompromiss: Ihr habt genug Power fürs Schäumen, ohne dass der Espresso zu heiß wird.

    Einzige Einschränkung: Wenn ihr plant, mit sehr dunklen Kaffees zu arbeiten, könnten euch die 94°C theoretisch etwas zu heiß sein. Aber für 95 % aller Anwendungsfälle passt die Einstellung perfekt.

    Workflow & Bedienung: Gute Ideen, nervige Details

    Die Bedienung ist simpel: Einschalten, aufheizen lassen, Espresso ziehen. Keine komplexen Menüs, keine PID-Einstellungen. Das ist genau richtig für Einsteiger.

    Aber: Die Positionierung der Brühgruppe bzw. die kurze Tropfschale nerven. Der Siebträger wird deshalb sehr weit vorne eingehängt. Damit der Espresso dennoch in Tassen läuft, die sauber auf der Tropfschale stehen, hat Rocket den Auslauf auf die zur Maschine gewandte Seite montiert. Kann man machen, erschwert aber das Tampen, weil der Siebträger nun nicht mehr auf den Siebhalter gestützt werden kann, sondern nur noch auf den Füßen steht. 

    Dazu kommt: Die Tropfschale ist generell nicht tief genug. Man sieht noch massig Luft darunter – man hätte sie größer bauen können. Und weil die Brühgruppe so weit vorne sitzt, sifft es beim Spülen gerne mal über die Kante. Das nervt im Alltag.

    Der Siebträgerauslauf müsste auf die andere Seite. Wir verstehen nicht, warum das so gebaut ist. Die Maschine wäre vielleicht ein paar Zentimeter tiefer, aber der Workflow wäre um Längen besser.

    Positiv: Der Wassertank ist top gelöst. Deckel auf, Tank raus, befüllen oder reinigen, fertig. Kein Schlauch, keine Fummelei.

    Lautstärke & Wartung

    Die Vibrationspumpe ist hörbar, aber nicht störend laut. Im Vergleich zur Quick Mill Rubino haben wir 1 bis 2 Dezibel Unterschied gemessen – also quasi identisch.

    Zur Wartung: Falls ihr die Maschine mal auseinanderbauen müsst, seid gewarnt. Es ist machbar, aber nicht gut sortiert. Wir haben anderthalb Stunden gebraucht, um ein Magnetventil zu wechseln. Das ist mühsam. Im Vergleich: Eine ECM ist ähnlich nervig, aber etwas besser zugänglich.

    Der Boiler ist nicht isoliert, was im Vergleich zu einer Quick Mill Rubino ein Nachteil ist. Das kostet theoretisch mehr Energie, wobei wir das hier nicht gemessen haben.

    Wichtig: Diese Maschinen halten ewig – wenn ihr sauberes, gefiltertes Wasser nutzt. Kalk ist der Hauptgrund für defekte Espressomaschinen, egal in welcher Preisklasse. Nutzt gefiltertes Wasser, macht gelegentlich eine Rückspülung, und die Maschine überlebt Jahrzehnte. Zum Vergleich: Die Sage Barista Pro hatte nach einem halben Jahr schon eine defekte Komponente – bei einer E61-Maschine wie der Rocket passiert das in der Regel nicht.

    Preis-Leistung: Oberes Segment, aber ohne PID

    1.490 CHF (bzw. 1.200 bis 1.300 Euro in Deutschland) für einen Zweikreiser mit Vibrationspumpe ohne PID – das ist im mittleren Preissegment angesiedelt. Es gibt Maschinen mit ähnlichem Funktionsumfang, die günstiger sind. Aber: Die Rocket punktet mit Design, Temperaturkonstanz und Dampfpower.

    Für das Geld erwarten wir absolute Top-Range – und die bekommt ihr bei der Temperatur und der Extraktion. Beim Workflow und den Details (Reling, Kanten, Positionierung) gibt es aber Abzüge.

    Wer bereit ist, 200 bis 300 Franken mehr auszugeben, bekommt bei anderen Herstellern einen Zweikreiser mit PID-Steuerung. Dann habt ihr mehr Flexibilität. Aber: Bei 93,5 bis 94°C könnt ihr schon fast alle Kaffees perfekt zubereiten. Die PID ist nice to have, aber kein Muss.

    Fazit: Solide Maschine mit nervigen Schwächen

    Die Rocket Appartamento ist eine Maschine für Einsteiger, die es ernst meinen. Die Stärken: absolute Temperaturkonstanz, sehr gute Dampfpower, chices Design, langlebig. Die Schwächen: Brühgruppe zu weit vorne, Tropfschale zu kurz, scharfe Kanten, Plastik-Reling muss extra gekauft werden.

    Für wen ist sie geeignet? Für Home-Baristas, die eine unkomplizierte Zweikreiser-Maschine suchen und keine PID-Steuerung brauchen. Wer mit 93,8°C klarkommt (und das sollten die allermeisten), bekommt hier eine Maschine, die einfach läuft und läuft.

    Für wen nicht? Für Leute, die viel mit dunklen Röstungen arbeiten oder Temperaturprofile fahren wollen. Und für alle, die sich an schlechten Workflow-Details stören.

    Ein weiterer Pluspunkt: Rocket hat eine aktive Facebook-Community. Wenn ihr Fragen habt oder Tipps braucht, findet ihr dort deutschsprachige User, die helfen.

    Würden wir sie kaufen? Wenn das Budget passt und ihr mit den genannten Schwächen leben könnt: Ja. Aber wir würden die 99 Franken für die Edelstahl-Reling direkt dazukaufen. Das Plastikteil ist keine Option.

    Und noch ein Hinweis zum Schluss: Bei Siebträger-Maschinen wie dieser macht ein Kurs den Unterschied. Ihr müsst verstehen, wie Espresso funktioniert – Mahlgrad, Dosierung, Tamping, Puck-Vorbereitung. Die Maschine liefert euch die Konstanz, den Rest müsst ihr können. Dann holt ihr aus dieser Appartamento verdammt guten Espresso raus.

      Comments