Home / Kaffeewissen / Wie wird Kaffee entkoffeiniert? Die vier Verfahren im Vergleich
    Allgemein
    Wie wird Kaffee entkoffeiniert? Die vier Verfahren im Vergleich

    Wie wird Kaffee entkoffeiniert? Die vier Verfahren im Vergleich

    Vier Verfahren, ein Ziel: das Koffein muss aus der Bohne, alles andere soll drinbleiben. Wie gut das gelingt, entscheidet über den Geschmack, über den Preis und darüber, ob am Ende messbare Lösungsmittelreste in der Tasse landen. Wir haben mit dem Entkoffeinierer CR3 in Bremen gesprochen, Patente und Grenzwerte nachgelesen und dabei einen Fehler gefunden, der in fast jedem Artikel zum Thema steht.

    Grüne Kaffeebohnen vor und nach der Vorbehandlung zur Entkoffeinierung im Grössenvergleich
    Kurz gefasst

    Entkoffeiniert wird immer der Rohkaffee, nie der geröstete. Vier Extraktionsmittel sind im Einsatz: Dichlormethan, Ethylacetat, Wasser und CO₂. Der Unterschied zwischen ihnen liegt in der Selektivität, nicht im Marketingnamen. Und entkoffeiniert heisst nicht koffeinfrei: ein entkoffeinierter Espresso enthält 3 bis 15,8 Milligramm Koffein.

    Was alle Verfahren bei der Herstellung gemeinsam haben

    Entkoffeiniert wird immer der Rohkaffee, also die grüne Bohne vor der Röstung. Ein Verfahren, das gerösteten Kaffee entkoffeiniert, gibt es industriell nicht.

    Meike Holtmann arbeitet bei ANKA, der Forschungs- und Innovationstochter von CR3, an genau diesen Prozessen. Sie beschreibt vier Schritte, die bei allen Verfahren gleich ablaufen:

    1
    Vorbehandlung mit Dampf, Hitze und Wasser. Die Bohne quillt „schon fast auf das Doppelte" ihres Volumens auf. Die Poren in der Zelloberfläche weiten sich und lassen einen besseren Stofftransport zu.
    2
    Extraktion. Das Extraktionsmittel kommt auf die Bohne und zieht das Koffein heraus. Dieser Schritt entscheidet alles: „Dieser Schritt hat den grössten Einfluss auf die Sensorik später, weil neben dem Koffein auch Aromen und andere sogenannte Co-Extrakte aus den Kaffeebohnen entzogen werden können."
    3
    Trennung. Das koffeinbeladene Extraktionsmittel muss von der Bohne weg. Bei CO₂ und Wasser reicht Abpumpen. Bei Dichlormethan und Ethylacetat wird kontrolliert abgedampft, damit keine Spuren zurückbleiben.
    4
    Trocknung. Zurück auf die Ursprungsfeuchte von etwa 10 bis 12 Prozent. Ohne diesen Schritt wäre der Kaffee weder transport- noch lagerfähig.

    Der Unterschied zwischen den Verfahren liegt im zweiten Schritt, und dort in drei Grössen: Temperatur, Druck und Zeit. Holtmann nennt es „die Fahrweise des gesamten Prozesses".

    Selektivität beim Entkoffeinieren

    Selektivität heisst: wie gezielt geht ein Extraktionsmittel auf das Koffein los und lässt alles andere in Ruhe. Ein wenig selektives Mittel holt Fette, Säuren und Aromastoffe mit heraus. Das ist der eigentliche Grund, warum manche Decafs flach schmecken.

    Dichlormethan: neun Stunden und das beste Preis-Leistungs-Verhältnis

    Dichlormethan, kurz DCM oder Methylenchlorid, ist weltweit das häufigste Verfahren. Der Grund ist einfach: es funktioniert besser als alles andere. Holtmann nennt DCM „das effizienteste Extraktionsmittel für Koffein".

    ca. 9 hProzesszeit bei CR3
    2–14 barDruck
    60–99 °CTemperatur
    97 %Koffein raus

    Druck, Temperatur und Zielwert nach dem Original-Patent von Procter & Gamble aus dem Jahr 1971. Dort werden die Bohnen auf 41 bis 50 Gewichtsprozent Wasser vorbefeuchtet, das Lösungsmittel-zu-Bohnen-Verhältnis liegt bei 3:1 bis 5:1.

    Kurze Prozesszeit bedeutet niedrigen Energieverbrauch, und der schlägt direkt auf den Preis durch. Holtmann: „Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis."

    Was viele überrascht: DCM ist nicht das aggressivste, sondern ein eher schonendes Mittel.

    ★ Meike Holtmann, Forschung und Innovation bei ANKA

    „Es ist relativ selektiv auch für das Koffein. Es kommen nicht so viele Co-Extrakte mit raus."

    Wer eine gute Rohkaffeequalität hineingibt, bekommt viel Aroma erhalten. Nur haben wir zumindest noch keinen Spezialitätenkaffee aus dem DCM-Verfahren getrunken. Das hat wohl auch damit zu tun, dass es ein chemischer Prozess ist und die Akzeptanz im Markt limitiert ist.

    Beim indirekten DCM-Verfahren berührt das Lösungsmittel die Bohne nie. Der Kaffee wird in heissem Wasser eingeweicht, das Koffein geht ins Wasser, und erst dieses Wasser wird mit DCM behandelt. Danach kommen die Aromastoffe mit dem Wasser zur Bohne zurück. Zu Temperaturen und Zeiten dieser Variante haben wir keine belegten Zahlen gefunden.

    Wie viel Dichlormethan bleibt im Kaffee? 34 Produkte im Test

    Eine Arbeitsgruppe hat 2024 34 handelsübliche entkoffeinierte Röstkaffees aus dem EU-Handel gemessen, per Headspace-GC-MS. Die Ergebnisse:

    Messgrösse Wert
    Spannweite im Röstkaffee 5,7 bis 816,6 µg/kg
    Mittelwert 127 µg/kg (0,127 mg/kg)
    Median 59,5 µg/kg (0,060 mg/kg)
    Gesetzlicher Höchstwert Schweiz und EU 2 mg/kg (2.000 µg/kg)
    Gesetzlicher Höchstwert USA 10 mg/kg (10 ppm)
    Übergang ins Getränk, Filterkaffee Median 26,8 Prozent
    Übergang ins Getränk, French Press Median 43,1 Prozent

    Fabian, Süße-Herrmann, McGaffin & Hielscher (2024), Proceedings 109(1), 33. Grenzwerte: Schweizer VTVV Anhang 1, EU-Richtlinie 2009/32/EG Anhang Teil II, 21 CFR 173.255.

    Drei Dinge stehen damit fest. Erstens: DCM ist im fertigen Kaffee nachweisbar, die Aussage „nach der Röstung ist nichts mehr drin" ist zu pauschal. Zweitens: der höchste gemessene Einzelwert liegt bei rund 41 Prozent des Grenzwerts, der Median bei etwa drei Prozent. Drittens, ein Viertel bis gut zwei Fünftel des Rückstands landen in der Tasse, und die French Press überträgt deutlich mehr als der Papierfilter.

    Holtmann sagt zu den Rückständen: „Die vorgeschriebenen Höchstmengen werden um das Hundertfache unterschritten." Der Median der Studie liegt bei einem Faktor von etwa 34, der Mittelwert bei etwa 16. In der Grössenordnung passt das, die Einzelwerte streuen aber erheblich.

    Pures Koffein bei Descamex

    Pures Koffein bei Descamex, Córdoba, Mexiko

    Warum das Thema gerade, wieder einmal, bewegt

    Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) führt Dichlormethan seit 2017 in Gruppe 2A, also als „wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen". In den USA läuft seit November 2023 ein Antrag mehrerer Umwelt- und Gesundheitsorganisationen, Methylenchlorid aus der Lebensmittelzulassung zu streichen. Die FDA hat die Kommentarfrist am 28. Mai 2026 wiedereröffnet und am 29. Juni 2026 geschlossen, eine Entscheidung ist bis heute nicht gefallen. In der EU haben wir keine vergleichbare Initiative gefunden, in der Schweiz ebenfalls nicht.

    Ethylacetat, das Zuckerrohr-Verfahren

    Ethylacetat läuft unter zwei Namen. Der technische ist Ethylacetat, der schönere Sugarcane Process. Beide meinen dasselbe Molekül.

    ★ Meike Holtmann, Forschung und Innovation bei ANKA

    „Industriell wird es in synthetischer Form eingesetzt. Es ist aber auch in Spuren in Zuckerrohr, in Zuckerrüben oder auch in Obst natürlich vorhanden und kann auch aus natürlichen Bestandteilen hergestellt werden. Und deshalb trägt es halt auch diesen Namen Sugarcane Processing."

    Wer „natürlich entkoffeiniert" auf einer Packung liest, sollte wissen: das Molekül ist dasselbe, ob es aus Zuckerrohr oder aus dem Reaktor kommt. Die Herkunft ist ein Herkunftsargument, kein chemisches.

    Technisch verhält sich Ethylacetat ähnlich wie DCM, mit einem Unterschied: „Es ist nicht ganz so selektiv für das Koffein wie das Dichlormethan. Also die Prozesszeiten sind leicht länger." Bei Descafecol in Manizales, der Entkoffeinierungsanlage in Kolumbien, laufen die Lösungsmittelzyklen laut Prozessdiagramm über etwa acht Stunden, nach einem halbstündigen Dämpfen.

    ca. 8 hLösungsmittelzyklen
    30 minDämpfen davor
    max. 20 ppmRückstand, freiwillig
    mittelSelektivität

    Zyklen und Dämpfzeit nach dem Prozessdiagramm von Descafecol, Manizales. Die Rückstandsspezifikation von 20 ppm ist eine freiwillige Angabe von Descafecol, Cafe Imports nennt in ihrem Prozessdiagramm maximal 10 ppm.

    Die Rechtslage ist der eigentliche Unterschied. Anders als bei Dichlormethan gibt es für Ethylacetat keinen numerischen Höchstwert. Es steht in Teil I des Anhangs der Richtlinie 2009/32/EG, also bei den Lösungsmitteln, die bei guter Herstellungspraxis für alle Zwecke erlaubt sind. Die Schweizer VTVV folgt dieser Systematik.

    Die spannendste Zahlenreihe zu diesem Verfahren stammt aus einem Review von 1999 und zeigt, was Entkoffeinierung kostet:

    Bedingung Dauer Koffein entfernt Verlust an löslichen Feststoffen
    Raumtemperatur, 27 Grad 8 h 37 bis 39 % 9 bis 10 %
    Raumtemperatur, 27 Grad 14 h 42 bis 44 % 14 bis 15 %
    mit Heisswasserzirkulation 8 h 62 bis 64 % 34 bis 36 %
    mit Heisswasserzirkulation 16 h 78 bis 80 % 40 bis 42 %

    Ramalakshmi & Raghavan (1999), Critical Reviews in Food Science and Nutrition 39(5), Tabelle 5. Laborbedingungen, keine Industrieparameter.

    80 Prozent Koffeinentfernung kosten über 40 Prozent der löslichen Feststoffe. Genau das ist der Substanzverlust, den man oft als dünnen Körper im Glas wiederfindet. Und deshalb ist der Entkoffeinierungsgrad allein keine Qualitätsaussage.

    Die Wasserverfahren: warum Wasser allein nicht funktioniert

    Der naheliegendste Gedanke ist auch der falscheste. Wenn man Kaffeebohnen in heisses Wasser legt, löst sich zwar Koffein, aber eben auch alles andere. Man erhält eine Tasse Kaffee und eine geschmacklose Bohne.

    Die Wasserverfahren lösen das mit einem Trick. Holtmann: „Die Kaffeebohne wird mit heissem Wasser oder aber mit heissem koffeinfreien Grünkaffee-Extrakt extrahiert." Dieses Extrakt ist mit allen löslichen Kaffeebestandteilen gesättigt, nur ohne Koffein. Aus der Bohne kann deshalb im Wesentlichen nur noch Koffein herauswandern, alles andere bleibt drin, weil die Lösung dafür schon voll ist.

    Das koffeinbeladene Extrakt läuft dann über Adsorberfilter. „Aus diesen Adsorberfiltern kommt ein koffeinfreier, aber aromenreicher Extrakt wieder raus." Der Kreislauf beginnt von vorn.

    ★ Meike Holtmann, zum Filter als eigentlichem Handwerk

    „Wir haben festgestellt, dass die Filter, die wir da verwenden, auch eine geringere Affinität gegenüber Co-Extrakten haben, was sich sehr positiv auf das Aroma des entkoffeinierten Kaffees ausprägt, weil wir da weniger Verluste haben."

    Zwei Anbieter tragen die Wasserverfahren im Namen. Swiss Water in Delta, British Columbia, arbeitet mit Green Coffee Extract und Kohlefiltern. Descamex in Córdoba, Veracruz, nennt sein Verfahren Mountain Water Process.

    50–100 °CExtraktion und Adsorption
    2,05 → 0,10 %Koffein in der Bohne
    n. v.Prozesszeit
    hochSelektivität

    Werte aus einem Patent von 1980 zum Wasserverfahren mit Adsorption. Swiss Water und Descamex veröffentlichen keine eigenen Prozessdaten.

    "99,9% koffeinfrei" - na ja

    Weder Swiss Water noch Descamex veröffentlichen Temperaturen, Drücke, Prozesszeiten oder einen Entkoffeinierungsgrad. Die verbreitete Angabe „99,9 Prozent koffeinfrei" für den Swiss Water Process liess sich auf keine Primärquelle zurückführen, sie stammt aus einer Lehrunterlage, die selbst auf einen Blog verweist. Wir nennen sie deshalb nicht als Fakt.

    Der Kaffee, mit dem bei uns alles anfing, kommt aus einem solchen Verfahren. Unser Sueño aus Mexiko wird bei Descamex mit Wasser entkoffeiniert, der Kaffee kommt von der Rancho San Felipe

    Besuch bei Descamex in Mexiko, entkoffeinierte Bohnen

    Überkritisches CO₂: ab 31 Grad und 73,8 bar

    Kohlendioxid kennt man als Gas und als Trockeneis. Oberhalb von rund 31 Grad und 73,8 bar wird es etwas Drittes: überkritisch. Es hat dann die Dichte einer Flüssigkeit und das Diffusionsverhalten eines Gases, und in diesem Zustand löst es Koffein.

    Erfunden hat das Kurt Zosel in Oberhausen, das Patent wurde am 5. Februar 1970 angemeldet. Es nennt 40 bis 80 Grad, 120 bis 180 Atmosphären, einen Wassergehalt der Bohnen von 15 bis 30 Prozent, 5 bis 15 Stunden Entkoffeinierung und ein Restkoffein unter 0,01 Prozent. Der Kern des Patents ist eine Feinheit: erst die Feuchtigkeit macht das überkritische CO₂ zu einem Medium, das Koffein aufnimmt.

    Im heutigen Industriemassstab liegen die Werte höher. Holtmann nennt „extrem hohe Drücke, 250 bis 300 bar, und hohe Temperaturen von 60 bis 80 Grad". Eine Ökobilanz-Studie von 2017 dokumentiert eine Anlage mit 250 bar und 90 Grad, fünf Stunden Dämpfen, dann 11,5 Stunden Extraktion für Arabica und 22 Stunden für Robusta, mit 97 Prozent Koffeinentfernung.

    250–300 barDruck
    60–90 °CTemperatur
    11,5–22 hExtraktion
    97 %Koffein raus

    Weltweit werden mit dem überkritischen Verfahren nach Angaben der Max-Planck-Gesellschaft rund 100.000 Tonnen Rohkaffee pro Jahr verarbeitet. Das sind immerhin rund ein Prozent der globalen Ernte.

    Unterkritisches CO₂: flüssig bei 70 bar, sieben Tage Prozesszeit

    Wer den Druck und die Temperatur unter den kritischen Punkt senkt, bekommt flüssiges CO₂. Das ist langsamer und teurer, und genau deshalb interessant, vor allem sensorisch.

    CR3 nennt dieses Verfahren Carbonic Natural. Holtmann beschreibt es so: „Das CO₂ ist da in einem flüssigen Zustand und durchströmt die vorbehandelten Bohnen und ist dabei unfassbar selektiv." Nach der Extraktion wird entspannt, der Druck fällt von 70 bar auf Umgebungsdruck, und das Koffein fällt aus dem CO₂ aus. Es wird in einem Wasserstrom aufgenommen, das CO₂ geht koffeinfrei zurück in die nächste Charge.

    70–80 barDruck
    23 °CTemperatur
    6–7 TageProzesszeit
    < 0,08 %Restkoffein

    Druck, Temperatur und Restkoffein nach einem dokumentierten Werksbesuch von Belco. Dort gehen 97 bis 99 Prozent des Koffeins in der Flüssig-CO₂-Phase heraus.

    Sebastian Gabriel, Marketing und Sales bei CR3, hat uns das schon einmal so erklärt: CO₂ sei „ein faules Lösungsmittel".

    Zwei Punkte, die im Alltag zählen. Das CO₂ stammt aus natürlicher Quellkohlensäure, das Verfahren ist deshalb bio-zertifizierbar. Und: unser Apas Decaf aus Brasilien wird so entkoffeiniert, der Dipilto Decaf aus Nicaragua ebenfalls.

    Sebastian Gabriel von CR3 vor den Entkoffeinierungsanlagen
    Sebastian Gabriel von CR3 vor den Entkoffeinierungsanlagen

    Das Triglycerid-Verfahren: viel behauptet, wenig belegt

    In vielen Artikeln steht ein fünftes Verfahren: die Bohnen baden in heissem Kaffeeöl, die Triglyceride im Öl ziehen das Koffein heraus.

    Wir haben dazu keine Primärquelle gefunden. Kein Patent, keine begutachtete Studie, keine Herstellerangabe nennt Temperatur, Dauer, Öl-Bohnen-Verhältnis oder Entkoffeinierungsgrad. Geprüft und ausgeschlossen haben wir drei einschlägige Patente, die in der Literatur regelmässig dafür zitiert werden und tatsächlich andere Verfahren beschreiben.

    Die vier Verfahren im direkten Vergleich

    CO₂ steht zweimal in der Tabelle, weil es in zwei Fahrweisen läuft. Das Extraktionsmittel bleibt dasselbe.

    Verfahren Extraktionsmittel Dauer Druck / Temperatur Selektivität Kosten
    Dichlormethan (DCM) Dichlormethan ca. 9 h 2–14 bar / 60–99 °C hoch niedrig
    Ethylacetat (Sugarcane) Ethylacetat ca. 8 h Zyklen nicht veröffentlicht mittel niedrig bis mittel
    Wasser (Swiss Water, Mountain Water) Grünkaffee-Extrakt plus Adsorberfilter nicht veröffentlicht 50–100 °C (Patent 1980) hoch, filterabhängig hoch
    CO₂, überkritisch überkritisches CO₂ 11,5–22 h 250–300 bar / 60–90 °C hoch hoch
    CO₂, unterkritisch (Carbonic Natural) flüssiges CO₂ 6–7 Tage 70–80 bar / 23 °C sehr hoch hoch

    „Nicht veröffentlicht" heisst: der Wert ist von keinem Hersteller und in keiner Primärquelle publiziert.

    Was „entkoffeiniert" rechtlich bedeutet, und warum „Grenzwert 0,1 Prozent für die EU" falsch ist

    Präzision ist entscheidend: Sätze wie „in der EU darf entkoffeinierter Kaffee bis zu 0,1 Prozent Koffein enthalten" stehen auf jeder zweiten Seite zum Thema. Sie sind so nicht richtig.

    Die EU regelt mit der Richtlinie 1999/4/EG ausschliesslich Kaffee-Extrakte, also löslichen Kaffee. Dort liegt die Grenze bei 0,3 Prozent wasserfreiem Koffein bezogen auf die Trockenmasse. Für Röstkaffee haben wir keinen harmonisierten EU-Zahlenwert gefunden.

    Die 0,1 Prozent kommen aus nationalem Recht:

    Rechtsraum Röstkaffee Löslicher Kaffee Grundlage
    Schweiz max. 0,1 Massenprozent, bezogen auf die Trockensubstanz max. 0,3 Massenprozent Verordnung des EDI über Getränke
    Deutschland max. 1 g Koffein je kg Kaffeetrockenmasse, also 0,1 % max. 3 g/kg, also 0,3 % Kaffeeverordnung, § 2 Abs. 3
    EU kein harmonisierter Wert gefunden 0,3 % Richtlinie 1999/4/EG

    Praktisch ändert das für dich als Trinkerin oder Trinker nichts: in der Schweiz und in Deutschland gilt derselbe Wert von 0,1 Prozent.

    Was am Ende in der Tasse landet

    Der Grenzwert sagt nichts darüber, wie viel Koffein du wirklich trinkst. Dafür braucht es Messungen am Getränk.

    Die Referenzstudie dazu ist von 2006. Zehn Filterkaffee-Decafs aus neun Ketten und lokalen Cafés lagen zwischen 8,6 und 13,9 mg Koffein pro 473 ml. Entkoffeinierter Espresso kam auf 3 bis 15,8 mg pro Shot.

    Entkoffeiniert ist nicht dasselbe wie koffeinfrei.

    Zum Ausgangspunkt: Rohkaffee enthält je nach Art etwa ein Prozent Koffein bei Arabica und etwa zwei Prozent bei Canephora. Eine Untersuchung von 2020 nennt als Spannweiten 0,8 bis 1,4 Prozent für Arabica und 1,7 bis 4,0 Prozent für Robusta. Die Röstung ändert daran fast nichts, denn das Koffein ist hitzestabil.

    Was dieses Restkoffein im Körper macht, ist eine eigene Frage. Wie lange Koffein wirkt, wie schnell es abgebaut wird und ab wann es den Schlaf stört, haben wir separat aufgeschrieben.

    Bremen als Koffeinhauptstadt

    ★ Sebastian Gabriel, Marketing und Sales bei CR3

    „Die Entkoffeinierung wurde in Bremen erfunden. Das wissen viele Leute gar nicht. Und man kann quasi sagen, Bremen ist bis heute die Welthauptstadt der Entkoffeinierung."

    Beides trifft zu, mit einer Präzisierung. Das Patent „Preparation of coffee" wurde am 4. Mai 1906 angemeldet und am 1. September 1908 erteilt. Darauf stehen drei Namen: Johann Friedrich Meyer jr., Ludwig Roselius und Karl Heinrich Wimmer. Roselius wird fast überall als Alleinerfinder geführt, das ist er jedoch nicht.

    Und das Lösungsmittel war tatsächlich Benzol, wörtlich im Patent: „We have found that benzene (also called benzol) is eminently suitable for this purpose." Kaffee HAG wurde im selben Jahr gegründet, 1906. Die verbreitete Anekdote, eine mit Seewasser havarierte Kaffeeladung habe Roselius auf die Idee gebracht, klingt abenteuerlich, aber vielleicht etwas zu abenteuerlich. Eine belastbare Quelle konnte ich bisher nicht finden.

    Zur Welthauptstadt: in Bremen verarbeitet die Coffein Compagnie nach eigenen Angaben rund 120.000 Tonnen Rohkaffee pro Jahr in fünf Werken und bezeichnet sich als Weltmarktführer. Dazu sitzt CR3 ebenfalls in Bremen. Ein unabhängiges globales Kapazitätsranking gibt es nicht, weil Descamex, Descafecol, Demus und Swiss Water ihre Kapazitäten nicht veröffentlichen.

    Welches Verfahren macht den besten Kaffee?

    Stacey Linden von Swiss Water hat es mir im Gespräch für den Hauptartikel sinngemäss so gesagt:

    Aus gutem Rohkaffee gibt es guten Decaf-Rohkaffee. Und umgekehrt. Sinngemäss nach Stacey Linden, Swiss Water. Sie hat es etwas rustikaler ausgedrückt, aber die Botschaft ist klar.

    Der Entkoffeinierungsprozess hinterlässt einen sensorischen Fussabdruck, je nach Verfahren mehr oder weniger. Interessant finden wir die Frage, ob diese sensorische Veränderung ein Makel ist, oder eine neue Qualität hinzufügen kann.

    Schnelle und günstige Verfahren wie DCM hinterlassen nach unserem Verständnis einen soja-ähnlichen Charakter. Wasserverfahren können bei flacheren Kaffees einen Malzgeschmack hinterlassen. Ethylacetat kann die Säure steigern, während das unterkritische CO₂-Verfahren den Kaffee etwas dämpfen kann.

    Wenn man das als Importeur oder Röster weiss, dann sucht man den passenden Rohkaffee für das passende Verfahren, und so kann dann ein neues, sensorisch interessantes Produkt entstehen.

    Entkoffeinieren als Qualitätssteigerung von schlechtem Rohkaffee?

    Wir haben Meike Holtmann gefragt, ob es stimmt, dass früher vor allem schlechte Qualitäten entkoffeiniert wurden. Ihre Antwort: „Ich nehme das heutzutage hier bei uns auf dem Firmengelände so nicht wahr. Ein Grossteil der Kaffees, die wir hier als Rohware verkaufen, haben eine gute, teilweise sogar sehr gute sensorische Qualität." Die niedrigen Qualitäten, im Haus „liebevoll Vogelfutter oder Müsli-Kaffees" genannt, sehe man äusserst selten.

    Interessant ist ihre Beobachtung zur Wirkung: „Bei unsauberen Qualitäten nimmt man das tatsächlich auch manchmal als Aufwertung des Kaffees wahr." Bei guten Qualitäten weniger. Der Prozess glättet also, das hilft schlechtem Rohkaffee und kostet gutem etwas.

    Erst der Rohkaffee, dann das Verfahren. Ein hochselektives CO₂-Verfahren macht aus mittelmässigem Rohkaffee keinen guten Decaf. Aber ein wenig selektives Verfahren kann einen sehr guten Rohkaffee flach machen.

    Wer Decaf beurteilen will, muss beides kennen: die Rohkaffeequalität und das angewandte Verfahren. Mehr zum Geschmack, zur schnelleren Alterung und zur Frage, warum Decaf anders extrahiert, steht im Hauptartikel zu koffeinfreiem Kaffee.

    Zum Nachhören

    Folge 74: Inside Decaf, Forschung, Prozesse und der neue Trend

    Mit Meike Holtmann (Forschung und Innovation, ANKA) und Sebastian Gabriel (Marketing und Sales, CR3).

    Fazit

    Vier Verfahren, und keines ist pauschal das beste. Dichlormethan ist schnell, günstig und selektiver als sein Ruf, hinterlässt aber messbare Rückstände und steht regulatorisch unter Beobachtung. Ethylacetat ist ähnlich schnell, etwas weniger selektiv und rechtlich lockerer geregelt. Die Wasserverfahren umgehen Lösungsmittel vollständig, veröffentlichen dafür kaum Prozessdaten. CO₂ ist in der unterkritischen Fahrweise das langsamste und teuerste Verfahren und laut CR3 das selektivste.

    Unsere koffeinfreien Kaffees findest du in der Decaf-Sammlung, jeweils mit Angabe des Verfahrens.


    Quellen

    Gespräche
    Meike Holtmann, Forschung und Innovation, ANKA (Forschungs- und Innovationstochter von CR3), Bremen.
    Sebastian Gabriel, Marketing und Sales, CR3 Kaffeeveredelung, Bremen.
    Stacey Linden, Swiss Water, Delta, British Columbia.

    Studien und Reviews
    Fabian, Süße-Herrmann, McGaffin & Hielscher (2024): Rückstände von Dichlormethan in entkoffeinierten Röstkaffees, Proceedings 109(1), 33.
    Ramalakshmi & Raghavan (1999): Critical Reviews in Food Science and Nutrition 39(5), Tabelle 5.
    Studie von 2006 zum Koffeingehalt in entkoffeinierten Getränken. McCusker, Fuehrlein, Goldberger, Gold & Cone (2006): Caffeine Content of Decaffeinated Coffee, Journal of Analytical Toxicology 30(8)
    Untersuchung von 2020 zu Koffeingehalten in Arabica und Robusta. Gaibor, Morales & Carrillo (2020): Determination of Caffeine Content in Robusta Roasted Coffee (Coffea canephora) by RP-UHPLC-PDA, Asian Journal of Crop Science 12(2) 
    Ökobilanz-Studie von 2017 zu einer überkritischen CO₂-Anlage. De Marco, Riemma & Iannone (2017): Supercritical Carbon Dioxide Decaffeination Process, a Life Cycle Assessment Study, Chemical Engineering Transactions 57

    Patente
    Meyer jr., Roselius & Wimmer: „Preparation of coffee", angemeldet 4. Mai 1906, erteilt 1. September 1908.
    Zosel: Verfahren zur Entkoffeinierung mit überkritischem CO₂, angemeldet 5. Februar 1970.
    Procter & Gamble: Entkoffeinierung mit Dichlormethan, 1971.
    Wasserverfahren mit Adsorption, 1980.

    Recht
    Verordnung des EDI über Getränke (Schweiz).
    Verordnung über technische Vorschriften für Lebensmittel, VTVV, Anhang 1 (Schweiz).
    Richtlinie 2009/32/EG über Extraktionslösungsmittel, Anhang Teil I und Teil II.
    Richtlinie 1999/4/EG über Kaffee-Extrakte.
    Kaffeeverordnung, § 2 Abs. 3 (Deutschland).
    21 CFR 173.255 (USA).

    Weitere Angaben
    IARC Monographs: Einstufung von Dichlormethan in Gruppe 2A, 2017.
    FDA, Verfahren zur Streichung von Methylenchlorid aus der Lebensmittelzulassung, laufend seit November 2023.
    Max-Planck-Gesellschaft, Angaben zum überkritischen CO₂-Verfahren.
    Prozessdiagramme Descafecol (Manizales) und Cafe Imports.
    Dokumentierter Werksbesuch von Belco bei CR3.
    Coffein Compagnie, Bremen, eigene Angaben zur Verarbeitungsmenge.

      Comments