Im Kaffeeland, wenn keine Ernte ist

Kaffeefarm in Mexiko

Warum geht man in der Zwischensaison in Kaffeeländer? Dann, wenn der Kaffee nicht reif ist? Tatsächlich gibt es mehr gute Gründe, hinzugehen, wenn kein Kaffee da ist, als dann, wenn er reif ist.

In den letzten Wochen war ich kaffeetechnisch in Honduras, Nicaragua und Mexiko unterwegs. Ich habe dabei kein einziges Bild von reifen, roten Kirschen gemacht und folglich auch nicht auf den Sozialen Medien gepostet. Aus dem Grund, weil da einfach noch keine sind. Zumindest in der nördlichen Hemisphäre. In Zentralamerika z.B. herrschte gerade die Zwischensaison, während auf der Südhalbkugel die Ernte in Ecuador, Peru oder Brasilien gerade im vollen Gange oder schon vorbei ist.

In den meisten Ländern Zentralamerikas endet ein Grossteil der Ernte Ende Februar, regional dehnt sie sich aber aus bis Ende Mai. Der Kaffee wird aufbereitet, in der Dry Mill geschält, nach Dichte und Grösse sortiert und dann exportfähig gemacht. Von dem Moment an, wenn der Kaffee die Dry Mill verlässt, kommt er ca. sechs Wochen später in Zentraleuropa an. Soziale Unruhen wie in Nicaragua oder immer regelmässigere Fahrerstreiks in Brasilien und Kolumbien jedoch verzögern die Lieferung zum Teil dramatisch.

Keine roten Kaffeekirschen da, was dann?

Auf der Farm selbst beginnt nach der Ernte die Zwischensaison. Bäume werden zurückgeschnitten, Wege gemacht, Unkraut gejätet. Samen werden gesetzt um neuen Setzlinge zu züchten und schon grössere Stecklinge werden gepflanzt. Die Entpulper, Waschtanks, Kanäle etc. werden geputzt und in den Winterschlaf versetzt. Die Arbeit geht nie aus. Eine Kaffeefarm ist nichts anderes als ein Bauernhof. Eine landwirtschaftliche Entität, die saisonale Erzeugnisse produziert, aber das ganze Jahr über Arbeit verlangt.

Nur, diese Arbeit präsentiert sich halt nicht so schön wie «only the ripest cherries» auf Instagram und Facebook.

Dabei sind diese Zwischenschritte so wichtig. Zwischen den Saisons entscheidet sich, wie die nächste verläuft. Es ist eigentlich wie beim Fussball: Im Training werden Spielzüge geübt, die Technik verfeinert und das Spiel des nächsten Gegners wird fein säuberlich analysiert. Während dem Spiel selbst geht es nur noch ums abliefern, Zeit für ein Training ist da nicht mehr.

Kaffeelandwirtschaft verhält sich genau so. Wir haben in den letzten Wochen auf unserer Farm Santa Rita viele Entscheidungen getroffen, die einen direkten Einfluss auf die nächste Saison haben. Wenn die Saison läuft, dann kann nicht mehr gross eingegriffen werden.

Entscheidungen, Entscheidungen, Entscheidungen

Lust auf ein Gedankenspiel? Stellen Sie sich vor, Sie müssten die nachfolgenden Entschiede immer wieder neu treffen. Ihre Ausgangslage ist nicht sonderlich stabil und die Perspektiven auch nicht.

In unserem Beispiel hier betreibt eine Produzentin in Zentralamerika eine kleine Farm von zwei Hektaren. Das Alter der Bäume ist hoch (25+ Jahre), zum Teil stark von Kaffeerost und anderen Krankheiten gezeichnet. Die geerntete Menge pro Baum ist deutlich tiefer als der landesweite Durchschnitt. Ein Agronom rät ihr, dringend neue Bäume anzupflanzen. Die Zeit rennt, denn die nächste Saison beginnt schon bald. Einige Fragen, die Sie sich als Produzentin nun stellen sollten:

  • Hab ich das Geld für die Rennovation?
    • Wenn ja:
      • Haben Sie ein Bankkonto?
      • Haben Sie das Geld in cash?
      • Hat das Geld überhaupt einen Wert anhand der starken Inflation in Ihrem Land?
    • Wenn nein, gibt es Kredite?
      • Aber wie zahle ich einen Mikrokredit mit steilen Zinsen und den tiefen Kaffee-Börsenpreisen zurück?
      • Ihr Land befindet sich in einer ungewissen politischen Situation (z.B. Nicaragua), die Bank vergibt keine Kredite an Kleinstproduzenten ohne Sicherheit.
      • Vielleicht von einer Kooperative. Sind Sie da denn auch Mitglied?
  • Ich leihe mir das Geld. Mit was zahle ich den Kredit zurück?
    • Durch was generiere ich mein Einkommen?
    • Nur Kaffee?
    • Hab ich diversifiziert?
      • Cash Crops und Nahrungsmittel für den Eigenbedarf?
      • Oder nur marktorientierte Produktion?
      • Produziere ich ausschliesslich Kaffee?
    • Reicht das so generierte Einkommen, trotz den historisch tiefen Börsenpreisen, dass ich den Kredit in verlangter Frist begleichen kann?
  • Sie sollten dringend die Pflanzen renovieren.
    • Können Sie sich von den alten Pflanzen trennen? Auf emotionaler Ebene?
    • Sobald Sie die Pflanzen ersetzen, haben Sie für 3-4 Jahre weniger Ernte, bis diese dann wieder voll produzieren – können Sie das finanziell stemmen?
      • Haben Sie ein Zusatzeinkommen?
      • Wenn nein, sind Sie optimistisch, dass die Jobsituation in Ihrem Land positiv ist?
  • Welche Varietät sollten Sie pflanzen?
    • Resistent gegen Roya, dafür etwas weniger charakteristisch in der Tasse?
    • Oder etwas hochqualitatives, dafür nicht resistent?
    • Das, was die Agronomen empfehlen?
    • Oder das, was Spezialitätenröster gerne möchten?
    • Eine Varietät, die viel Ertrag gibt, braucht auch viel Input.
      • Können Sie sich den Dünger leisten, resp. Selber herstellen, um die Pflanze ausreichend zu ernähren?
      • Konventionell, Bio, ein Mix, biodynamisch? Was ist die richtige Methode für Ihren Ansatz?

(unvollständige Liste von Fragen)

Hat jemand gesagt, dass Kaffee einfach ist?


Lernt jeden Tag mehr über Kaffee. Philipp ist Q-Arabica Grader und jurierte während mehrere Jahren Barista-Weltmeisterschaften. Er ist Gesellschafter, Teil der Geschäftsleitung und leitet die Kaffeemacher-Rösterei. Philipp mag alles, was lecker ist, und wenn er keinen Kaffee machen würde, dann wäre es wohl Wein.

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