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Auf ein paar Kaffees in San Pedro Sula, Honduras 3...

Auf ein paar Kaffees in San Pedro Sula, Honduras 3/3

Die Autofahrt mit dem zu Fleisch gewordenen Kaffee-Lexikon Don Alfredo neigt sich dem Ende zu. Der Kaffee ist aus und es regnet aus Kübeln.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe eine Finca, wo fast ausschliesslich kahle, nackte Bäume stehen. Kaffeerost. Bäume, die nur noch aus dem fragilen Astgerüst bestehen, kaum mehr Blätter tragen und dergestalt ziemlich erbärmlich aussehen.

Zu dieser Zeit sollten sie voll mit Blätter sein, die ein helles Grün aufweisen, Kirschen, die dicht nebeneinander wachsen und ebenfalls noch grün sind. Nicht so auf dieser Finca.

Kaffeerost oder roya ist nicht neu, existiert seit Jahrzehnten. Und trotzdem rafft dieser Pilz immer wieder Farmen hin. Die Rekonvaleszenz-Zeit dauert zwischen zwei und drei Saisons, wenn überhaupt, und abhängig davon, ob neu gepflanzt wird. Was kann getan werden? «Zur richtigen Zeit die Pflanze schützen. Der Zeitpunkt der Applikation des Pestizides ist entscheidend. Und den verpassen eben immer wieder verschiedene Produzenten.»

Jetzt muss man wissen: Pestizide sind teuer. Und nicht jeder Produzent hat zu gegebenem Zeitpunkt das Geld, die passenden Mittel zu kaufen. Denjenigen, welche das Geld eigentlich hätten, «fehle die Weitsicht.»

1x Zahltag

Kaffee wird nur einmal pro Jahr geerntet, verteilt über wenige Wochen. In diesen Wochen steigert sich die Liquidität in einem Haushalt. Nun müssen wohl noch Kredite zurück bezahlt werden, und gleichzeitig muss schon wieder nach vorne geblickt werden, auf die nächste Saison. Es sollte investiert werden in die Arbeiten auf der Farm, nebst dem das Leben eben auch noch finanziert werden muss.

«Viele Produzenten sehen das alles zu kurzfristig», meint Don Alfredo, «nur ganz wenige Menschen hier machen sich etwas aus langjähriger Planung.» Viele Menschen hier verdienen ihr Geld als Tagelöhner. Am Ende des Tages geht es um schnelle Bezahlung, regelmässige Bezahlung in Bar in kurzen Abständen wie 14 Tagen.

Es ist eine Abwärtsspirale: liegt der Börsenpreis tief, wenn der Kaffee verkauft wird, verdient der Produzent meist nicht genug, um adäquat in die anfallenden Arbeiten auf der Plantage zu investieren. Es droht eine kleinere Ernte, die dann wiederum weniger Einkommen generiert, etc.

Mehr Kaffee für mehr Einkommen

Don Alfredo arbeitet bei einem Exporteur, der ein “Farmer Assistance Programme” führt. Ein Ansatz, der Produzenten in Produktionstechniken und Agronomie lehrt und assistiert, um langfristig mehr Kaffee zu produzieren. Produzenten sollen so primär durch einen höheren Ertrag mehr verdienen und nicht über einen höheren Verkaufspreis. Jedoch lässt sich feststellen, dass die Qualität in den letzten Jahren bei teilnehmenden Produzenten auch gestiegen ist. Häufig konnten sie damit ein höheres Differenzial erreichen.

Das sind Programme, die es zu beachten gilt — teilnehmende Produzenten können mehr verdienen, weil sie mehr und effizienter Kaffee produzieren. Ich habe einige solcher Farmen in den letzten Tagen gesehen und bin schwer beeindruckt. Allerdings erfordern diese Programme ein Umdenken der Produzenten, von denen viele oft aus traditionellen Motiven handeln. Es sind Ansätze aus der Agronomie, die wenig mit den über Jahrzehnte überlieferten Anbautechniken zu tun haben.

Ankunft, Drogen und ein letzter gemeinsamer Kaffee

Wir kommen auf dem Beneficio an. Bekannte Gesichter. Ein Willkommenskaffee für mich, ein Wachmacherkaffee für Don Alfredo, der nun wieder zurück fährt. Wir steckten gerade in einer Diskussion über Schmuggel, Kooperativen, Drogenbanden, die ganzen Geschichten, die man bei uns vor allem über Netflix-Serien wie Narcos kennt. Nur, hier sind sie real.

“Die Sicherheit hat sich hier stark verbessert”, sagt Don Alfredo, nimmt einen Schluck Kaffee, und fährt sich durch seine langen, präzis arrangierten, grauen Haare. Sein Blick geht in Richtung Tal. Er hat in seinen mehr als 50 Jahren Kaffee in Honduras vieles gesehen, das Thema Gewalt aber tauchte immer wieder auf. “Wissen sie, Philipp” — in Zentralmerika ist man sehr lange per Sie — “das Leben hier wird oft bestimmt durch äussere Umstände.”

Gerade in den Grenzgebieten zu Guatemala verlaufen viele der sog. Drogenstrassen, Transportwege für den Drogenhandel. Diese werden geschützt, die Bevölkerung hat sich da zu arrangieren. Es ist bisweilen eine stille Übereinkunft — wer nicht aufmupft, dem passiert auch nichts. “Diese ganze Situation kann gewissen Gegenden regelrecht paralysieren.”

“Aber eben, es hat sich stark verbessert.”

Wir verabschieden uns und sollten uns in einer Woche wieder sehen. Unten dann, im Tal. So ist es dann auch und er bietet mir einen Kaffee aus seiner Thermos an.


Randnotiz

Der Kaffee im Ursprungsland ist oft nicht der Beste. Der auf der Farm schon gar nicht. Oft wird der “Ausschuss” zurück behalten, selbst in der Pfanne geröstet, fein gemahlen, mit Zucker vermischt und aufgerührt. Farm coffee. Tun Sie mir bitte den Gefallen, und trinken Sie ihn aus, wenn Sie mal einen bekommen, es gehört sich so.

Meine Kaffees die Tage waren jedoch sehr lecker — das Beneficio hat auch ein paar Kaffees zurückbehalten, sortiert, und sauber geröstet. Ein Luxus.


Lernt jeden Tag mehr über Kaffee. Philipp ist Q-Arabica Grader und jurierte während mehrere Jahren Barista-Weltmeisterschaften. Er ist Gesellschafter, Teil der Geschäftsleitung und leitet die Kaffeemacher-Rösterei. Philipp mag alles, was lecker ist, und wenn er keinen Kaffee machen würde, dann wäre es wohl Wein.

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