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Auf ein paar Kaffees in San Pedro Sula, Honduras 1...

Auf ein paar Kaffees in San Pedro Sula, Honduras 1/3

Ich war Anfang Juli in San Pedro Sula. Schon mal gegoogelt? Machen Sie es nicht. Wenn Sie es machen, werden Sie wohl kaum dahin fliegen. 

 

Wenn Sie unbedingt wollen, dann machen Sie es, kehren Sie aber hierhin zurück bitte. www.google.com Zufrieden? Weiter im Text. Kaffee bringt einen an Orte, die man zu Lebzeiten sonst nicht sehen würde.

Seit 2006 setze ich mich mit Kaffee auseinander und lerne immer weiter dazu. Ich sehe mich als Kaffee-Student, als einer, der frei nach dem Humboldtschen Verständnis weiterstudiert, ohne den Anspruch, jemals fertig zu werden. Dafür ist Kaffee zu komplex.

Solange Kaffee für mich immer noch eine Mischung aus Wissenschaft, Erfahrung, Handwerk und Voodoo darstellt, solange gibt es für mich viel zu lernen.

Da Kaffee auf der ganzen Welt getrunken wird, schafft man es als Kaffeemensch eben auch mal an Orte, wo Expertise gefragt und Offenheit für Neues gefordert wird. Frisch geschlachtete Ziege essen in Kenia, eine Barista-Show in Kuwait abziehen oder Karaoke singen auf einer Kaffeefarm in China sind Erinnerungen, die ich nicht missen möchte. Sie formen meine Gedanken zu Kaffee und zeigen mir auf, was Kaffee eigentlich alles kann.

China, Kuwait, Kenia — nur drei Beispiele für Orte, an die man sonst nicht einfach so hingelangt. San Pedro Sula ist auch so ein Ort. Falls Sie vorher nicht gegoogelt haben: bis vor Kurzem war SPS die kriminellste Stadt der Welt.

Muss man da jetzt hin? Nein.

SPS wird nie zu den Top-10-Cities-to-see-before-you-die gehören, ebenso wenig wird es in die Liste der 72hrs in soundso aufgenommen. Aber: wird da in der Region Kaffee angebaut von dem Zehntausende Produzentenfamilien leben? Ja. 

In der Stadt und den Vororten selbst befinden sich die wichtigsten und grössten Kaffee-Exporteure des Landes. Das sind die Unternehmungen, die in aller Regel den entpulpten oder getrockneten Kaffee von einem beneficio (Kaffeeverarbeitungsanlage) kaufen, diesen trocknen, schälen und somit exportfähig machen.

Die Stadt ist der Umschlagplatz für den grössten Teil

des exportierten Kaffees aus Honduras. Und Honduras selbst ist die sechst grösste Kaffeenation der Welt mit 7.3 Mio 60kg-Säcken, dabei die grösste Produzentin in Zentralamerika, weit vor Guatemala, Nicaragua, El Salvador oder Costa Rica.

Und wieso geht man jetzt genau da hin?— Weil es viel zu tun gibt.

Kaffee kann als landwirtschaftliche Haupteinnahmequelle eines Haushalts dienen — tut es aber momentan in den meisten Fällen in Zentralamerika nicht. Viel eher gehört Kaffee zu einer von mehreren Einnahmequellen. Kaffee ist ein sog. perennial crop, ein Naturprodukt, das in den meisten Produzentenländern nur einmal jährlich geerntet und verkauft werden kann.

Im Gegensatz zu den sog. dual crops, also Produkten, die verkauft oder aber auch gegessen werden können, bietet Kaffee nur eine singuläre Option — den Verkauf. Satt wird man von Kaffee alleine nicht.

Wenn also Kaffee eine sich lohnende Einnahmequelle bleiben soll, dann müssen Märkte gefunden oder geschaffen werden, die dies können. Die Türöffner und Türschliesser zu diesen Märkten sitzen in San Pedro Sula. 

Deswegen bin ich jetzt erst mal hier, trinke einen hiesigen Kaffee und arbeite mit einem dieser Türöffner an Maßnahmen, die Kaffeeproduktion langfristig attraktiver zu gestalten.


Randnotiz 

In San Pedro Sula gibt es eine tolle Weinbar, die Deriva Enoteca, die vornehmlich Weine aus Argentinien, Chile und Mexiko anbietet. Auf dem Staatsgebiet des heutigen Mexikos wurde übrigens als erstes Wein auf dem Nordamerikanischen Kontinent angebaut.


Lernt jeden Tag mehr über Kaffee. Philipp ist Q-Arabica Grader und jurierte während mehrere Jahren Barista-Weltmeisterschaften. Er ist Gesellschafter, Teil der Geschäftsleitung und leitet die Kaffeemacher-Rösterei. Philipp mag alles, was lecker ist, und wenn er keinen Kaffee machen würde, dann wäre es wohl Wein.

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